Was ist der Kungfu-Unterschied?

Was macht es zum Kungfu?

Was ist der Unterschied zwischen Kungfu, bzw. chinesischen Kampfkunstarten und den sogenannten 'Westlichen'?



Ich könnte hier mit der Antwort beginnen, dass es doch beim Anwender liegt und nicht bei der Kampfkunst an sich. So einfach ist es jedoch nicht. Es gibt klare und detaillierte Unterschiede zwischen den westlichen und fernöstlichen Kampfkunstarten.


Vielleicht stimmt das nicht ganz.


Westlich vs. fernöstlich trifft es vielleicht oberflächlich, ja, allerdings nicht in der Essenz. Obwohl Kultur eine sehr wichtige Rolle spielt, in welche ich gerne weiter und tiefer eingehe, aber bevor wir den Punkt der Thematik erreichen, gibt es sehr essentielle Inhalte des Themas an sich, die unbedingt angesprochen, intellektuell verstanden, sowie mit dem Gemüt erfasst werden sollten.


Was genau macht eine Bewegung zu einer Kungfu Bewegung und was zu einer z.B. modernen Savate, oder Kickbox, oder Box Bewegung? Worin sehe ich den genauen UNTERSCHIED?


Nun, viele würden jetzt an der Stelle direkt bestimmte Bewegungsbilder aus den klassischen Tierformen z.B. erwähnen, welche zum Gegensatz zu Kickboxen, oder Boxen ziemlich klar erkennbar sind.


Die Tatsache, dass eine Bewegung aus einer Tierform stammt, macht diese Bewegung nicht zum Kungfu. Wenn es so einfach wäre, würde die Nachfrage und Notwendigkeit dieses Artikels nicht existieren. Es wäre klar: Tierformen = Kungfu und typisches Boxen/Kicken mit Handschuhen = Kickboxen. So einfach ist es nicht.


Der historische Hintergrund sagt ebensowenig über die Qualitäten einer Bewegung aus, wie die Kultur woher diese stammt. Dies ist zu vergleichen mit einem Menschen, der aus einer bestimmten Kultur und einem bestimmten politischen Hintergrund stammt. Über seine MENSCHLICHEN Qualitäten sagt die Herkunft wenig aus, auch wenn viele von uns dies noch nicht so sehen. Es ist der MENSCH selbst, der seine Charakterqualitäten wählt, kultiviert und aus-raffiniert. Die Kultur, oder der politische Hintergund kann eine Kommunistische sein, eine Sozialistische, eine Kapitalistische, oder gar eine totalitäre Diktatur. Die Menschen aus sämtlichen kulturellen- und oder politischen Hintergründen können die selben Charaktereigenschaften tragen. Dies ist der Innere Trieb des Menschen selbst, auch wenn von außen durch die Kultur und Familie viel beeinflusst werden kann, die letztendliche WAHL, was für ein Mensch ich werden soll, behalte ich mir als Mensch immer vor.


So ähnlich (nicht wirklich 'gleich', aber ähnlich) verhält es sich bei Kampfkunstarten. Es entscheidet nicht der Stil, welche Qualitäten eine Bewegung hat. Der Stil kann diese fördern, oder beeinflussen, jedoch liegt es allein an der Hand des LernZIELES welche Qualitäten tatsächlich erreicht und welche Fähigkeiten manifestiert werden. Ein LernZIEL entsteht durch NACHFRAGE. Um das zu veranschaulichen ein kleines Beispiel: Nehmen wir den südlichen Tiger-Stil aus dem Shaolin Quan. Dieser 'Stil' beinhaltet aus seiner 'Herkunft' her bereits bestimmte Elemente der Erdung, Flexibilität, Leichtfüßigkeit, Schnelligkeit, Stabile Stände, Beinkraft, Steigerung der Knochendichte, Gelenkstärkung, Finger- und Handgelenk-Kraft, Greifstärke, Geschmeidigkeit, Atemschulung, Struktur-Bildung, Stimmkraft- und Stimmbänder-Schulung, Muskel-Bänder-und Sehnenkraft-Steigerung, um nur einige der Qualitäten zu nennen. Nun ist hiermit bereits ein großer Pool an möglichen Fähigkeiten VOM STIL HER gegeben, jedoch; die NACHFRAGE und das LERNZIEL werden die tatsächlich manifestierten Qualitäten hervorbringen. Der Stil kann tatsächlich das Potenzial für die Entwicklung bestimmter Eigenschaften geben, jedoch nicht wirklich die Manifestierung dieser.


Was aber meine ich mit LernZIEL und NachFRAGE?


Der Beispiel südlicher Tiger-Stil: Hier kann es einen Tänzer geben, der die Bewegungen dieses Stils sehr graziös findet und diese allein wegen deren Geschmeidigkeit ausübt. Es kann aber auch ein rein gesundheitsorientierter Mensch sein, der diesen Stil ausübt und sich von den Vorzügen der Sehnen-, Knochen- und Bänder-Kraft-Steigerung überzeugen lässt und dies zum Hauptziel seiner Praxis setzt.

Ein anderer Praktizierende dieses Stils kann von der Atemschulung, Bewegungs-Schnelligkeit und Stimmkraft als Fähigkeit überzeugt sein und diesen Stil deshalb ausüben. Auch wenn ALLE DREI Übende die SELBE Vorgabe an Bewegungen und die selben Abläufe haben, werden die Fähigkeiten dieser drei Schüler von Grund auf Andere sein! Der Tänzer wird nicht die Sehnenkraft und Knochendichte des Gesundheits-Experten erreichen, der Dritte Schüler, der sich hauptsächlich um die Atemschulung und Stimmkraft bemühte wird nicht die Geschmeidigkeit des Tänzers erreichen und umgekehrt. Die Gründe dafür sind die Trainings-METHODEN innerhalb des Stils. Der STIL ist der Selbe. Die HERKUNFT ist die Selbe, die KULTUR des Stils ist der Selbe, die Linie zum Gründer des Stils ist die Selbe, aber 3 Schüler, 3 voneinander komplett verschiedene Fähigkeiten und Qualitäten.


Deshalb;


Weder die Kultur, noch die Linie, noch das Land, noch die Tatsache, dass es klassische Tierformen sind (um bei diesem Beispiel zu bleiben) sind 'hauptsächlich' ausschlaggebend für die tatsächliche Manifestation an Fähigkeit, Qualität und Ausdruck der Bewegung.


Es ist die TrainingsMETHODE, die zum gegebenen Potenzial des Stils UND des Schülers, entscheidend ist.


Zurück zu unserer GRUND-Frage: WAS macht es zum Kungfu? WAS ist der Unterschied zwischen Kungfu und anderen Kampfsportarten?


Hier muss ich das Thema noch einmal ausweiten in die Definition von KampfKUNST und KampfSPORT. Denn darin liegt bereits ein großer Unterschied.


Bei einer Sportart sind bestimmte ZIELE bereits durch die 'Versportlichung' vorgegeben. In der KUNST jedoch, ist die FREIHEIT der Antrieb.


Welche Freiheit?


Jene, die aus einen Tänzer, einen geschmeidigeren Tänzer machen kann, aus dem Gesundheitsmenschen einen gesünderen Menschen und aus dem Ausdrucks-Menschen einen ausdrucksvolleren und ausdrucks- akkurateren Menschen.


Die Freiheit ergibt sich aus dem Pool der Potenziale - die Manifestation jedoch aus der Methodik des Übens.


Der Name sagt es bereits: Es ist eine KUNST. Dahinter sind Dinge verborgen, die den Rahmen einer 'Sportart' bei weitem übertreffen.


Ein Sport ist sicherlich auch eine körperliche Ertüchtigung mit bestimmten Qualitäten. DIESE JEDOCH unterstehen den sportlichen ZIELEN. Nehmen wir das Boxen. Man kann es selbstverständlich auch just for Fun ausüben, na klar. Die RICHTUNG jedoch ist immer während gegeben. Es sind die BOXTECHNIKEN, KÖRPER STRUKTUR und ganz bestimmte SCHRITTARBEIT mit der richtigen Deckung und den dazugehörigen Strategien, welche diese Sportart ausmacht. Diese sind den entsprechenden WETTKÄMPFEN angelehnt und richten sich größtenteils nach diesen. D.h. ein Mensch, der demnächst einen TaekWonDo Kampf zu bestreiten hat, wird sicher nicht als Vorbereitung dafür zum Boxen gehen, sondern Taekwondo trainieren. Das gilt genauso umgekehrt, denn es sind andere ZIELE bereits INNERHALB der SPORTART 'GESETZT'.


Wie verhält sich dies bei einer KampfKUNST?


Kampfkunst-arten haben auch ihre Ziele. Das stimmt. Diese richten sich allerdings nicht nach sportlichen Veranstaltungen und Wettkampf-Ausschreibungen, sondern nach dem MENSCH und dessen Entwicklung SELBST. An dem Punkt ist der erste Große Unterschied.


Das gesagt; sicherlich kann eine Kampfsportart auch eine KUNST sein. Das ist nicht ausgeschlossen. Dennoch ist auch diese Kunst dann dem ZIEL des SPORTS angelehnt und untergeordnet.


In der Kunst jedoch ist der MENSCH in seiner Entwicklung übergeordnet.


Diese Entwicklung kann körperlich-physisch sein, und- oder mental-geistig. Es ist aber keine Sportveranstaltung, die diese Entwicklung beeinflusst, oder gar definiert. Die Freiheit der zu nutzenden 'Werkzeuge' stehen ebenso im Vordergrund, wie die Manifestation bestimmter Fähigkeiten durch ganz bestimmte Lern-Methodiken. Diese sind FREI und nahezu grenzenlos als Quelle vorhanden in der Kunst, denn das Herz ist es, welches nun den Antrieb angibt, nicht eine Platzierung an einer sportlichen Veranstaltung.


Eine sportliche Anlehnung und der Wettkampf-Antrieb kann ganz bestimmte, AUF DEN JEWEILIGEN SPORT HIN ZUGESCHNITTENE Fähigkeiten auf das Äußerste hin - auf die Spitze treiben (siehe das heutige Brasilianische Jiu Jitsu). Gleichzeitig sind genau DADURCH viele andere Tools vernachlässigt, bzw. schlichtweg NICHT gegeben als Potenzial.


Wie oben beschrieben ist auch in der KUNST diese 'Spezialisierung' gegeben, sodass auch hier 'Vernachlässigung' bestimmter anderer Qualitäten entstehen können. Jedoch, ist hier zumindest die Ausgangs-Perspektive nicht eine auf eine Wettkampf-basierende Fähigkeit beschränkt, sondern bietet oft, wie in unserem ersten Beispiel vielerlei Spezialisierungen für verschiedene Zwecke (Gesundheit, körperlich-physische Überlegenheit durch Sehnen- Bänder- und Knochenkraft-Anhebung, Geschmeidigkeit, Leichfüßigkeit etc.)


Nun ist der ANWENDER, derjenige der wählt, welche Qualitäten er nach vorne treiben möchte, nicht die SPORTART- oder die Vorgabe der 'versportlichten' Wettkämpfe. (da ist ein wichtiger Unterschied zwischen 'Ver-sport-lichung' des Wettkampfes und des Wettkampfes an sich, als solcher, der DURCH 'FREIE' VERGLEICHE zur FREIEN Weiterentwicklung führen kann.)